Kartenspiel-Arten: der echte Leitfaden der Systeme
Experten-Leitfaden der Kartenspiel-Arten: spanisch, franzoesisch, deutsch, schweizerisch, Tarot und Spezial. Farben, Kartenzahl und welches waehlen.
Es gibt nicht "das" Kartenspiel: Es gibt Systeme, und System mit Muster zu verwechseln ist der Fehler aller. Lateinisch, franzoesisch, germanisch, schweizerisch und Tarot, mit der Kartenzahl jedes Systems und welches dir wirklich passt.
Beginnen wir damit, eine falsche Idee zu entdramatisieren: Wenn jemand «ein Kartenspiel» sagt, meint er kein universelles Objekt, er meint das, das er kennt. In Spanien das spanische Blatt. In Grossbritannien oder den USA das Pokerblatt. In Bayern eines mit Eicheln und Schellen, das dir ausserirdisch erscheinen wuerde. Es gibt nicht ein Blatt; es gibt Spielkartensysteme, jedes mit seinen Farben, seiner Kartenzahl und seinen Spielen. Und innerhalb jedes Systems gibt es Muster (Zeichnungsstile), die selbst veteranen Liebhaber verwirren. Das ist die Unterscheidung, die fast niemand richtig erklaert und die dir, sobald du sie verstehst, erlaubt, jedes Blatt der Welt zu lesen, als haette es Untertitel.
Ich erzaehle es dir mit Urteilsvermoegen und ohne Fuellstoff: welche Familien existieren, woher sie kamen, wie viele Karten jede hat, womit man spielt, und —am Ende— welches du je nach dem kaufst, was du wirklich machen willst.
Die echte Landkarte: vier Familien und ein Sonderfall
Alle europaeischen Spielkarten haben eine gemeinsame Wurzel —sie kommen ueber Sueden aus der islamischen Welt um 1370— und verzweigen sich nach Farben:
- Lateinisches System: Kelche, Muenzen, Schwerter, Knueppel. Spanische, italienische und portugiesische Varianten. Das aelteste in Europa.
- Germanisches System: Herz, Schellen, Laub, Eicheln. Das aelteste, das sich standardisierte (~1450).
- Schweizerisches System: Eicheln, Schilten, Rosen, Schellen. Germanischer Verwandter mit eigenen Farben.
- Franzoesisches System: Herzen, Karos, Kreuze, Pik. Eine Vereinfachung des germanischen (~1480). Heute weltweit dominant.
- Tarot: kein fuenftes Farbsystem, sondern eine andere Struktur (lateinische oder franzoesische Farben plus eine Reihe Truempfe und der Narr). Sonderfall wegen seiner Architektur.
Die «Spezialspiele» (praepariert, Premium, regional) sind keine Familie: Sie sind Variationen, auf einem dieser Systeme aufgebaut, fast immer dem franzoesischen.
1. Lateinisches System: das spanische Blatt (und das italienische)
Das aelteste in Europa, im 14. Jahrhundert aus der mamelukischen Welt uebernommen. Farben: Muenzen, Kelche, Schwerter und Knueppel. Es hat keine Dame —hatte sie nie im klassischen Muster—, was eine erstklassige genealogische Spur ist.
Spanisches Blatt
- Karten: 40 (1–7 plus Sota, Reiter und Koenig pro Farbe) oder 48 (mit 8 und 9). Manche Spiele addieren ein oder zwei Joker.
- Figuren: Sota (10/weiblich oder Page je nach Muster), Reiter und Koenig. Drei Figuren, ohne Dame.
- Pintas: die Einschnitte im Rahmen der Spielkarte, die die Farbe auf einen Blick anzeigen, ohne die Hand auszubreiten —1 Einschnitt=Muenzen, 2=Kelche, 3=Schwerter, 0=Knueppel, nach dem kastilischen Muster—. Es ist die lateinische Loesung fuer das Problem, das die franzoesische mit den Indizes loeste.
- Muster: kastilisch (das haeufigste in Spanien), katalanisch (Ganzfiguren, gerade Schwerter) und die nach Hispanoamerika exportierten.
- Spiele: Mus, Tute, Brisca, Chinchon, Escoba, Guinote, Cuarenta.
Die Geschichte und die Muster im Detail in der Geschichte des spanischen Blatts.
Italienisches Blatt
Gleiches lateinisches System, aber mit gebogenen Schwertern und oft verschlungenen Knueppeln, und starker regionaler Variation: neapolitanisches, piacentinisches, sizilianisches, toskanisches, bergamaskisches, trevisanisches Muster… Hat meist 40 Karten. Spiele: Scopa, Briscola, Tressette.
2. Germanisches System: das deutsche Blatt
Eines der aeltesten Systeme, um 1450 standardisiert, lange vor dem franzoesischen. Farben: Herz, Schellen, Laub (Gruen) und Eicheln.
- Karten: typischerweise 32 oder 36 (die Sueddeutschen Muster fuegen die 6 hinzu; manche den «Daus», dem Ass entsprechend, mit hohem Wert).
- Figuren: Koenig, Ober (obere Figur) und Unter (untere Figur). Ohne Dame: im 16. Jahrhundert entfernt. Ober und Unter unterscheiden sich daran, wo das Farbsymbol erscheint: oben=Ober, unten=Unter. Das ist der Trick, sie ohne Deutschkenntnisse zu identifizieren.
- Muster: bayerisch, fraenkisch, salzburgisch, saechsisch, preussisch und das Tell-Muster (mit Wilhelm-Tell-Szenen, populaer in Mitteleuropa und Ungarn).
- Spiele: Skat, Schafkopf, Doppelkopf, Watten, Gaigel, Binokel. (Skat spielt man je nach Region auch mit franzoesischen Farben.)
3. Schweizerisches System: das Jass-Blatt
Germanischer Verwandter mit eigenen Farben: Eicheln, Schilten, Rosen und Schellen. Um 1450 standardisiert, wird es vor allem in der deutschsprachigen Schweiz fuer das Jass genutzt, fast ein Nationalsport. Hat meist 36 Karten; Figuren Koenig, Ober und Under (ohne Dame, wie das deutsche). Es ist der Beweis, dass derselbe Stamm —der germanische— je nach Tal zwei verschiedene Farbsysteme hervorbringen konnte.
4. Franzoesisches System: das Pokerblatt (faelschlich «englisch» genannt)
Entsteht um 1480 als industrielle Vereinfachung des germanischen Systems —flache Silhouetten in zwei Druckfarben, billig mit Schablone zu stempeln— in den Werkstaetten von Rouen. Heute das verbreitetste Blatt des Planeten. Farben: Herzen, Karos, Kreuze und Pik in Rot und Schwarz.
- Karten: 52 (4 Farben × 13: 2–10, J, Q, K, A) plus 1–2 Joker. Uebliche Reduktionen: 32 (Skat, Belote, Piquet), 24 (Euchre), 40/48 je nach Spiel.
- Figuren: Bube, Dame und Koenig. Die Praesenz der Dame ist franzoesisches Identitaetsmerkmal.
- Das Pik-Ass ist verziert durch das Erbe der alten britischen stamp duty (1711–1960): ein zur Marke gewordenes Steuerfossil.
- Ecken-Indizes: Erfindung des 19. Jahrhunderts, die erlaubte, die Hand mit einer einzigen Hand zu faechern und zu halten; Schluessel seines Erfolgs bei Poker und Bridge.
- Spiele: Poker, Blackjack, Bridge, Solitaires, Canasta und fast das gesamte moderne Casino.
Fuer seine vier Farben —echter Ursprung, Farben, Hierarchie und der abgebaute Staende-Mythos— hast du den Artikel zu den Farben des Pokerblatts und die Geschichte des Pokerblatts fuer den vollstaendigen Verlauf. Zum Kaufen die Kategorie Pokerblaetter.
5. Tarot: entstand zum Spielen, nicht zum Wahrsagen
Hier kommt der zweite Mythos, den man begraben sollte (nach dem der Staende): Das Tarot wurde nicht erfunden, um Karten zu legen. Es entstand im Italien des 15. Jahrhunderts (Mailand, Ferrara, Florenz, Bologna, zwischen 1440 und 1450) als Stichspiel-Blatt: die carte da trionfi, die «Triumphe», die den Trumpf-Begriff (trumps) benennen. Der wahrsagerische Gebrauch ist sehr viel spaeter: Es gibt keinen Beleg bedeutender Kartomantie mit Tarot bis Ende des 18. Jahrhunderts (ein anonymes Manuskript zum Tarocco Bolognese um 1750; die Popularisierung mit Court de Gebelin 1781 und Etteilla ab den 1780ern, der um 1789 das erste spezifische Blatt zum Wahrsagen schafft).
- Struktur (78 Karten): 56 «kleine Arkana» in vier Farben mit vier Figuren (Koenig, Dame, Ritter und Sota/Page), plus 22 «grosse Arkana»: 21 nummerierte Truempfe + der Narr ohne Zahl (der konzeptionelle Verwandte des Jokers).
- Spiel-Tarot: das Tarot Nouveau (franzoesische Farben, Genreszenen, im modernen franzoesischen Tarot ab ~1900 genutzt) gegenueber dem Muster Tarot de Marseille (lateinische Farben), heute mehr von Kartomanten genutzt, aber urspruenglich auch zum Spielen.
- Kartomantisches Tarot: Blaetter vom Typ Rider–Waite–Smith (1909) oder Marseille, fuer symbolisches Lesen genutzt. Es ist eine esoterische Schicht von vor ~240 Jahren auf einem Blatt von vor ~580: legitim als kulturelle Praxis, aber nicht der Ursprung des Tarot.
- Lebendige Tarocchi: In Italien und Frankreich spielt man es noch —Tarocchino aus Bologna, franzoesisches Tarot, oesterreichisches Koenigrufen (Tarock)—. Es ist keine Reliquie: Es ist ein lebendiges Stichspiel.
6. Spezialspiele (Variationen, kein System)
Praepariert / Gaff (fuer Zauberei)
Fast immer auf dem franzoesischen System aufgebaut, aber mit Gimmick-Karten: Doppelseiten, Doppelrueckseiten, Blankokarten, falsch geschnitten (Stripper), Svengali, Brainwave, markiert, erzwungene Indizes… Sie erlauben unmoegliche Effekte mit minimaler Manipulation: das Blatt macht die Arbeit. Wenn dich das interessiert, die Kartenzauberei.
Premium und Design
Standardblaetter mit 52 Karten, aber mit Autoren-Illustration, Papier und Finishes der Oberklasse (vergoldete/gilded Kanten, Foiling, Metallic-Druckfarben, Stanzung). Gedruckt in Referenzdruckereien (USPCC, Cartamundi, Legends, Expert Playing Card Co.), viele in limitierter und nummerierter Edition. Schau unsere Premium-Spiele und, fuer Investitionsstuecke, die zum Sammeln an.
Regional und thematisch
Lokale Muster und Gedenkblaetter. Klassische Struktur des Basissystems, eigene visuelle Identitaet. Nuetzlich, um thematisch zu sammeln.
Grenzfaelle, die die Schemata brechen (und die unterhaltsamsten sind)
Wenn du glaubst, die Landkarte klar zu haben, erscheinen Blaetter, die ueber die Kategorien lachen. Man sollte sie kennen, denn es sind genau die, nach denen im Laden am meisten gefragt wird:
- Das Aluette-Blatt: lateinisches System (spanische Farben), aber an der franzoesischen Atlantikkueste fuer ein Spiel —das Luette— mit einem System aus Zeichen und Bluffs zwischen Partnern genutzt. Gleiche Karten wie ein spanisches, voellig anderes Spiel.
- Das Cego: Spiel-Tarot mit franzoesischen Farben, im deutschen Schwarzwald gespielt. Tarot, aber weder italienisch noch wahrsagerisch.
- Das Pinochle: doppeltes franzoesisches Blatt mit 48 Karten (zwei Kopien von 9–A je Farbe). Franzoesisches System, absichtlich «seltsame» Kartenzaehlung.
- Das japanische Hanafuda: 48 Karten, zwoelf «Farben», die Monate/Blumen sind. Stammt nicht vom europaeischen Stamm, kam aber ueber den portugiesischen Kontakt des 16. Jahrhunderts (die karuta): ein entfernter Cousin des lateinischen Systems, der sich auf eigene Faust entwickelte.
- Die 54+-Blaetter mit Truempfen des oesterreichischen Tarock: 54 Karten, franzoesische Farben und 22 nummerierte Truempfe mit Szenen, sehr lebendig in Oesterreich und Ungarn.
Die ehrliche Lektion: Die Systemlandkarte ist ein Leitfaden, kein Kaefig. Es gibt Blaetter, die an der Grenze leben, und fast immer sind es die, die die interessantesten Spiele verbergen.
Wie man ein altes Blatt in 20 Sekunden identifiziert
Eine praktische Methode, die ich benutze und die fast immer funktioniert, in dieser Reihenfolge:
- Zaehl die Farben und schau die Zeichnung an: Muenzen/Kelche/Schwerter/Knueppel? Lateinisch. Herzen/Karos/Kreuze/Pik? Franzoesisch. Eicheln/Laub/Schellen? Germanisch. Schilten/Rosen? Schweizerisch.
- Such die Dame: wenn es keine Dame und drei Figuren gibt, ist es lateinisch oder germanisch; wenn es eine Dame gibt, franzoesisch oder Tarot.
- Zaehl das Deck: 40/48 → spanisch; 52 → franzoesisch; 32/36 → germanisch/schweizerisch; 78 → Tarot.
- Schau die Ecken an: Indizes (Zahl+Farbe)? Modern franzoesisch. Pintas (Einschnitte im Rahmen)? Spanisch. Nichts? Vermutlich vor dem 19. Jahrhundert oder ein regionales Muster ohne Indizes.
- Pruef das Pik-Ass / die Schachtel: ein barockes Pik-Ass mit Wappen deutet auf britischen Einfluss; deutscher Text mit «Skat» oder «Schafkopf», auf deutsches Blatt.
Mit diesen fuenf Schritten klassifizierst du fast jedes Blatt, ohne die Sprache der Schachtel oder das Druckdatum zu kennen.
System vs Muster: die Unterscheidung, die fast niemand macht
Das ist der Punkt, der den Liebhaber vom Kenner trennt. System = welche Farben es gibt (lateinisch, franzoesisch, germanisch…). Muster = der konkrete Zeichnungsstil innerhalb dieses Systems. Zwei Blaetter koennen dasselbe System sein und voellig verschieden aussehen:
- System franzoesisch, Muster englisch (Goodall/USPCC, das globale), Muster franzoesisch/parisisch (Figuren mit Eigennamen, Tarot Nouveau), Muster belgisch-genuesisch, Muster russisch…
- System lateinisch, Muster kastilisch vs katalanisch in Spanien; neapolitanisch vs piacentinisch in Italien.
- System germanisch, Muster bayerisch vs fraenkisch vs Tell.
«Englisches Blatt» ist kein anderes System als das franzoesische: Es ist ein Muster des franzoesischen Systems. Wer sagt «ich habe ein englisches und ein franzoesisches Blatt, das sind verschiedene Systeme», verwechselt System mit Muster. Jetzt faellst du da nicht mehr drauf rein.
Wer hat eine Dame und wer nicht? Die genealogische Spur
Wenn du ein altes Blatt hast und die Sprache der Schachtel nicht verstehst, schau die Figuren an: Sie sagen dir fast ohne Fehler die Familie.
- Lateinisch (spanisch/italienisch): drei maennliche Figuren —Sota, Reiter, Koenig—. Nie eine Dame im klassischen Muster.
- Franzoesisch: Bube, Dame und Koenig. Die systematische Dame verraet das franzoesische System.
- Germanisch: Koenig, Ober und Unter, ohne Dame (im 16. Jh. entfernt). Ober/Unter unterscheiden sich an der Position des Farbsymbols.
- Schweizerisch: Koenig, Ober und Under, ohne Dame (wie das deutsche).
- Tarot: vier Figuren —Koenig, Dame, Ritter und Sota/Page—. Der vollstaendigste Hof und der einzige mit Ritter zusaetzlich zur Dame.
Materialien und Fertigung: was den taeglichen Gebrauch wirklich beeinflusst
Das System sagt dir die «Sprache» des Blatts; das Material sagt dir, wie es sich in der Hand verhaelt:
- Karton mit Finish (Air-Cushion, Leinen, Embossing): Mikro-Relief, das die Reibung verringert und das Austeilen verbessert. Qualitaetsstandard bei Spiel, Zauberei und Cardistry.
- 100 % Plastik (PVC/PET): teurer und haltbarer, widerstehen Knicken, Fluessigkeiten und Feuchtigkeit; ueblich in Bridge-Clubs und Casinos. Schlechterer «Snap» fuer Flourishes.
- Guenstiger Karton: billig, «klebt», wird weich und geht frueh kaputt. Nur fuer sehr gelegentlichen Gebrauch oder Spiele mit Kindern.
Dasselbe System —das franzoesische zum Beispiel— umfasst vom Supermarkt-Blatt bis zur Premium-Edition einer Referenzdruckerei. Deshalb muss man neben dem System auch die Qualitaet waehlen: Ich entwickle es in welches Kartenspiel kaufen, und du siehst es in den Premium-Spielen.
Formate: Poker vs Bridge (und warum es zaehlt)
- Pokerformat (~63×88 mm): der Standard fuer Brettspiel, Zauberei und Cardistry. Das vielseitigste; wenn du zweifelst, dieses.
- Bridgeformat (~57×88 mm): schmaler, gedacht, um viele Karten im Faecher zu halten (Bridge, Canasta). Fuer Zauberei und Flourishes fast nie geeignet.
Fuer Cardistry sind Format und Finish kritisch: Das Papier braucht «Snap» und die Rueckseite Symmetrie. Du siehst es in der Sektion Cardistry.
Zusammenfassende Tabelle der Systeme
| System | Farben | Typische Karten | Figuren | Dame? | Spiele / Gebrauch |
|---|---|---|---|---|---|
| Lateinisch — spanisch | Muenzen, Kelche, Schwerter, Knueppel | 40 oder 48 | Sota, Reiter, Koenig | Nein | Mus, Tute, Brisca, Guinote |
| Lateinisch — italienisch | Muenzen, Kelche, Schwerter, Knueppel | 40 | Fante, Cavallo, Re | Nein | Scopa, Briscola, Tressette |
| Franzoesisch — Poker/englisch | Herzen, Karos, Kreuze, Pik | 52 (+1–2 Joker); 32 reduziert | Bube, Dame, Koenig | Ja | Poker, Bridge, Blackjack, Casino |
| Germanisch — deutsch | Herz, Schellen, Laub, Eicheln | 32 oder 36 | Koenig, Ober, Unter | Nein | Skat, Schafkopf, Doppelkopf |
| Germanisch — schweizerisch | Eicheln, Schilten, Rosen, Schellen | 36 | Koenig, Ober, Under | Nein | Jass |
| Tarot | Lateinisch oder franzoesisch + 22 Truempfe | 78 | Koenig, Dame, Ritter, Sota | Ja | Tarocchi / Tarock / Kartomantie |
Warum es so viele Systeme gibt: Geschichte und Geografie, kein Chaos
Der Grund ist rein historisch und hat eine wunderschoene geografische Logik. Die Spielkarten kommen ueber den Sueden (Italien und Spanien) mit lateinischen Farben herein, aus der islamischen Welt geerbt, wo es keine dargestellten menschlichen Figuren gab. Waehrend der Druck nach Mitteleuropa aufsteigt, schreibt jede Zone die Farben mit ihrer Ikonografie um: im germanischen Raum triumphieren Eicheln und Laub; in den Schweizer Taelern Schilten und Rosen. Und dann gibt Frankreich Ende des 15. Jahrhunderts den entscheidenden Schlag: Es reduziert alles auf vier flache Silhouetten in zwei Druckfarben, mit Schablone stempelbar. Das billigste zu produzierende Blatt der Geschichte entsteht und deshalb —nicht weil schoen, weil billig— das, das ueber Rouen und England die Welt erobert. Dass heute alle koexistieren, ist keine Unordnung: Es ist eine kulturelle Landkarte. Jedes Blatt sagt dir, woher es kommt und was man dort spielt.
Pintas, Indizes und andere praktische Details
Jedes System loeste auf seine Weise das Problem, die Karte zu «lesen», ohne die Hand auszubreiten. Das spanische nutzt die Pintas (Einschnitte im Rahmen, die die Farbe kodieren). Das franzoesische nutzt Ecken-Indizes (Zahl/Buchstabe + Miniatur-Farbe), Erfindung des 19. Jahrhunderts, die erlaubte, die Hand mit einer einzigen Hand zu halten —entscheidend bei Poker und Bridge—. Das germanische markiert die Farbe an Positionen, die zudem Ober von Unter unterscheiden. Diese Details sind nicht anekdotisch: Sie erklaeren, warum bestimmte Systeme besser zu bestimmten Spielmechaniken passen.
Haeufige Fehler beim Sprechen ueber Kartenspiel-Arten
- Glauben, «Pokerblatt» sei eine Marke: nein; es ist das franzoesische 52-Karten-System. Poker ist nur eines der Hunderte Spiele, die man damit spielt.
- System mit Muster verwechseln: «englisches Blatt» ist ein Muster innerhalb des franzoesischen Systems, kein eigenes System.
- Denken, das Tarot sei nur wahrsagerisch: Es entstand als Stichspiel im Italien des 15. Jh.; die Kartomantie kam >300 Jahre spaeter.
- Annehmen, alle haetten 52 Karten: das spanische 40/48, das deutsche 32/36, das schweizerische 36, das Tarot 78. Es gibt keine einzige Zahl.
- Bridgeformat fuer Zauberei/Cardistry kaufen: Der Standard ist Poker; das Bridge passt nur bei Spielen mit breitem Faecher.
- Sagen, das deutsche Blatt «sei wie das franzoesische, nur alt»: Es ist ein eigenes System, aelter in der Standardisierung und ohne Dame; das franzoesische leitet von ihm ab, nicht umgekehrt in der Standardisierungszeit.
Eine Chronologie, die die ganze Landkarte ordnet
- ~1370–1377: Die Spielkarten kommen aus dem mamelukischen Aegypten nach Europa; in Frankreich 1377 dokumentiert. Lateinische Farben, ohne menschliche Figuren.
- ~1440–1450: Das Tarot entsteht in Norditalien als Stichspiel (carte da trionfi), mit Truempfen und dem Narren.
- ~1450: Das germanische System (Herz, Schellen, Laub, Eicheln) und das schweizerische (Eicheln, Schilten, Rosen, Schellen) standardisieren sich.
- ~1480: Rouen vereinfacht das germanische zu vier Silhouetten in zwei Druckfarben; exportiert nach England und schmiedet dort das englische Muster.
- 16. Jahrhundert: Das germanische Blatt entfernt die Dame (Ober/Unter).
- 1711–1765: Britische Stempelsteuer; das Pik-Ass wird gesiegelt und dann vom Staat gedruckt.
- ~1750–1789: Der wahrsagerische Gebrauch des Tarot erscheint (Manuskript aus Bologna ~1750; Court de Gebelin 1781; Etteilla, erstes Wahrsageblatt ~1789).
- 19. Jahrhundert: Die Ecken-Indizes verallgemeinern sich; der Joker entsteht in den USA (Euchre, ~1860); Goodall ueberarbeitet das englische Muster.
- ~1900: Das franzoesische Tarot uebernimmt das Tarot Nouveau; das Marseille bleibt vor allem fuer Kartomantie. 1909: Rider–Waite–Smith.
- 1960: Die britische Steuer auf Spielkarten wird abgeschafft.
Mit dieser Linie hoert jedes Blatt, das du in der Hand hast, auf, ein loses Objekt zu sein, und wird zu einem konkreten Punkt eines Stammbaums. Zwei seiner Zweige, in Ruhe: die Geschichte des Pokerblatts und der Leitfaden seiner Farben.
Welches je nach Gebrauch waehlen? (Empfehlung mit Urteilsvermoegen)
- Traditionelle spanische Spiele (Mus, Tute, Guinote): spanisches Blatt, 40 oder 48 Karten, kastilisches Muster, ausser du spielst mit Katalanen.
- Poker, Blackjack, Solitaires, modernes Spiel: franzoesisches 52-Karten-Blatt, Pokerformat, gutes Finish. Das vielseitigste; im Zweifel dieses.
- Mitteleuropaeische Spiele (Skat, Schafkopf): deutsch oder franzoesisch mit 32 je nach Region; frag, mit wem du spielst.
- Zauberei: ein franzoesisches mit Qualitaet (Air-Cushion-Finish) und, je nach Effekt, ein praepariertes. Fang in der Zaubersektion an.
- Cardistry: franzoesisch Pokerformat, symmetrische Rueckseite, Papier mit «Snap». Die Cardistry-Sektion.
- Sammeln: Premium- und limitierte Editionen (Premium / Sammeln).
- Tarot: um wirklich zu spielen, ein Tarot Nouveau; fuer symbolisches Lesen, ein Marseille oder ein Rider–Waite–Smith.
Zweifelst du noch? Der Leitfaden welches Kartenspiel kaufen nimmt dich je nach Profil an die Hand. Und um alles zu sehen, die Kategorie Kartenspiele und die fuer Poker.
Haeufige Fragen
Wie viele Karten hat ein Blatt je nach System?
Spanisch 40 oder 48. Franzoesisch 52 (+1–2 Joker) oder 32 reduziert (Skat/Belote). Deutsch 32 oder 36. Schweizerisch 36. Tarot 78. Es gibt keine einzige Zahl: Es haengt vom System und vom Spiel ab.
Was ist der Unterschied zwischen spanischem und franzoesischem Blatt?
Farben (Muenzen/Kelche/Schwerter/Knueppel vs Herzen/Karos/Kreuze/Pik), Figuren (Sota/Reiter/Koenig vs Bube/Dame/Koenig, das spanische ohne Dame) und Kartenzahl. Funktional entsprechen sich die Farben: Muenzen↔Karos, Kelche↔Herzen, Schwerter↔Pik, Knueppel↔Kreuze.
Hat das deutsche Blatt eine Dame?
Nein. Es nutzt Koenig, Ober und Unter; die Dame wurde im 16. Jahrhundert entfernt. Ober und Unter unterscheiden sich daran, wo das Farbsymbol erscheint (oben/unten). Es ist einer der auffaelligsten Unterschiede gegenueber dem franzoesischen.
Taugt das Tarot zum Spielen oder nur zum Wahrsagen?
Es entstand, um Stichspiele im Italien des 15. Jahrhunderts zu spielen (carte da trionfi). Die Kartomantie ist ein viel spaeterer Gebrauch —Ende des 18. Jh.— und nicht ihr Ursprung. Noch heute spielt man Tarock und franzoesisches Tarot.
Welches Blatt kaufe ich, wenn ich nur eines fuer alles will?
Ein franzoesisches 52-Karten-Blatt, Pokerformat und gutes Finish (Air-Cushion): taugt zum Spielen fast aller Spiele, zum Lernen einfacher Zauberei und einfacher Flourishes. Die vielseitigste Option ohne Diskussion.
Was sind Gaff- oder praeparierte Blaetter?
Blaetter (fast immer franzoesisch) mit Spezialkarten —Doppelseiten, markiert, Svengali, Stripper, Brainwave—, entworfen fuer Zaubereffekte mit minimaler Manipulation: Das Blatt macht einen Grossteil der Arbeit.
Sind «englisches Blatt» und «franzoesisches Blatt» dasselbe?
Gleiches System, anderes Muster. Das «englische» ist das verbreitetste Zeichnungsmuster innerhalb des franzoesischen Farbsystems. Es sind keine verschiedenen Systeme; das zu verwechseln ist der haeufigste Fehler.
Du hast jetzt die echte Landkarte der Kartenspiel-Arten, System fuer System und ohne Mythen. Vertiefe weiter mit den Farben des Pokerblatts oder der Geschichte des spanischen Blatts, entscheide mit welches Kartenspiel kaufen und waehl deins in Kartenspiele.
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