Pot Odds beim Poker: Outs berechnen mit der 4-2-Regel
Leitfaden zu Pot Odds, Outs, Implied Odds, Equity und der 4-2-Regel bei Texas Hold'em, mit Wahrscheinlichkeitstabellen nach Outs und Entscheidungsbeispielen Schritt für Schritt.
Die Minimalmathematik, die den Kneipenspieler vom Tischspieler trennt
Poker gilt als ein Spiel der Psychologie und der Bluffs, und daran ist durchaus etwas Wahres. Unter dieser ganzen Schicht steckt jedoch ein einfaches mathematisches Gerüst, das darüber entscheidet, welche Entscheidungen auf lange Sicht profitabel sind und welche deinen Stack Hand für Hand leeren. Die gute Nachricht: Die Pokermathematik, die man zum ordentlichen Spielen braucht, ist nicht kompliziert, sie passt auf eine einzige Karteikarte. Die weniger gute: Am Anfang wendet sie fast niemand richtig an, und genau deshalb verlieren so viele fortgeschrittene Spieler gegen jemanden, der lediglich Outs zählen kann.
In diesem Leitfaden erkläre ich die beiden grundlegenden Werkzeuge —pot odds (das Verhältnis zwischen dem, was du zahlst, und dem, was im Pot liegt) und outs (die Karten, die deine Hand verbessern können)— sowie die Kopfrechenregel, mit der du beides ohne Taschenrechner kombinierst: die 4-2-Regel. Das ist das absolute Minimum. Wenn du es beherrschst, stehst du bereits über den meisten Heimspielern. Danach ergänzen wir die nächsten Schichten: implied odds, reverse implied odds, fold equity und ein paar Grundbegriffe zur echten Equity gegen Ranges.
Falls du die Rangfolge der Hände noch nicht kennst oder nicht weißt, wie eine Hand Texas Hold’em abläuft, lies besser zuerst diese Artikel und komm anschließend hierher zurück. Und wenn dir unterwegs ein Begriff entgeht, wirf einen Blick in das Glossar der Pokerbegriffe.
Was Outs sind und warum man sie zählt
Ein „Out“ ist eine Karte, die deine Hand, wenn sie auf einer späteren Straße erscheint, zu einer Hand verbessert, von der du glaubst, dass sie gewinnen wird. Die Definition ist wichtig: Es ist nicht irgendeine Karte, die deine Hand verbessert, sondern jede Karte, die sie so weit verbessert, dass sie das schlägt, was der Gegner deiner Meinung nach hält. Ein Out gegen eine Hand ist nicht automatisch ein Out gegen eine andere.
Gehen wir zum typischsten Beispiel. Du hältst A♥ 7♥ und der Flop kommt K♥ 5♥ 2♣. Du hast einen Flush Draw in Herz. Es gibt dreizehn Herzkarten im Deck, von denen vier bereits sichtbar sind (zwei von dir und zwei auf dem Flop). Es bleiben also neun Herzkarten im Deck: neun outs, um den Flush zu vervollständigen.
Das ist die Grundrechnung. Von dort an lohnt es sich, die typische Anzahl von Outs für jedes Projekt auswendig zu lernen, denn live bleibt dir keine Zeit, sie jedes Mal von null an durchzuzählen.
Tabelle der Outs nach Projekt
| Projekt | Outs | Beispiel |
|---|---|---|
| Farbprojekt (Flush Draw) | 9 | Vier Karten derselben Farbe. |
| Beidseitige Straße (open-ended) | 8 | 4-5-6-7 mit verbundenem Flop; jede 3 oder 8 vervollständigt sie. |
| Innenstraße (Gutshot) | 4 | 4-5-7-8; nur die 6 vervollständigt sie. |
| Doppelter Gutshot | 8 | Zwei mögliche Lücken, jede mit vier Karten. |
| Farbprojekt + beidseitige Straße (Combo) | 15 | Sehr stark: praktisch ein Coinflip gegen eine fertige Hand. |
| Farbprojekt + Gutshot | 12 | Combo mittlerer Stärke. |
| Zwei overcards | 6 | A-K bei einem Board aus niedrigeren Karten. |
| Paar zum Drilling (Set) auf der nächsten Karte | 2 | Es bleibt nur noch die vierte Karte dieses Wertes. |
| Zwei Paare zum Full House | 4 | Zwei Karten jedes verbliebenen Wertes auf deiner Hand. |
| Drilling zum Full House oder Vierling | 7 | Eine Karte des Sets plus drei von jedem anderen Wert auf dem Tisch. |
| Paar + Farbprojekt | 14 | Fertiges Paar plus aktiver Flush Draw. |
| Paar + Gutshot | 6 | Vier Outs für die Straße plus zwei für den Drilling. |
| Backdoor Flush Draw | ~1,5 effektiv | Braucht zwei Karten der Farbe hintereinander. |
Diese Zahlen prägt man sich beim Spielen schnell ein. Wichtig ist, nicht zu viel zu zählen: Wenn eine Karte dir den Flush gibt, dem Gegner aber die Straße schenkt, dann ist dieses Out nicht deins, sondern seins. Wenn die Gefahr besteht, dass dieselbe Karte auch den Gegner verbessert, spricht man von schmutzigen Outs oder tainted outs. Es ist deutlich besser, beim Zählen konservativ zu sein als optimistisch.
Saubere Outs gegen schmutzige Outs zählen
Ein Beispiel. Du hältst 9♠ 8♠ auf einem Board 7♣ 6♠ 2♣. Du hast eine beidseitige Straße (jede 5 oder 10 vervollständigt sie). Theoretisch sind das 8 Outs. Beachte aber, dass auf dem Board zwei Kreuzkarten liegen: Wenn eine 5♣ oder eine 10♣ kommt, vervollständigst du zwar deine Straße, aber der Gegner könnte den Flush treffen, falls er zwei Kreuzkarten hält. Diese beiden Outs sind schmutzig: Roh gezählt sind es 8, aber wirklich zählen nur 6, wenn der Gegner ein aktives Farbprojekt hat.
In der Praxis gilt: Wenn du zwischen zwei Szenarien schwankst, ziehe vorsichtshalber ein oder zwei Outs ab. Echte 15 % Equity sind mehr wert als fiktive 20 %.
Von Outs zum Prozentsatz: die 4-2-Regel
Sobald du deine Outs kennst, ist der nächste Schritt zu wissen, mit welcher Wahrscheinlichkeit eines davon erscheint. Die exakte Berechnung erfordert eine Division, und mitten in einer Hand hat niemand Lust, den Taschenrechner herauszuholen. Genau dafür gibt es die 4-2-Regel, eines der nützlichsten Werkzeuge des modernen Pokers.
Die Regel lautet:
- Wenn noch zwei Karten kommen (du bist auf dem Flop): multipliziere die Outs mit 4. Das ergibt ungefähr die prozentuale Wahrscheinlichkeit, dich zwischen Flop und River zu verbessern.
- Wenn noch eine Karte kommt (du bist auf dem Turn): multipliziere die Outs mit 2. Das ergibt ungefähr den Prozentsatz zwischen Turn und River.
Probieren wir es mit dem Beispiel des Flush Draws aus: neun Outs auf dem Flop.
- Wahrscheinlichkeit, den Flush vom Flop bis zum River zu treffen (zwei Karten): 9 × 4 = 36 %. Der exakte Wert beträgt 35,0 %. Eine minimale Abweichung.
- Wahrscheinlichkeit, den Flush vom Turn bis zum River zu treffen (eine Karte): 9 × 2 = 18 %. Der exakte Wert beträgt 19,6 %. Wieder praktisch dasselbe.
Die Regel ist eine Näherung, aber bei normalen Out-Zahlen (bis 14) beträgt der Fehler höchstens einen Prozentpunkt. Das reicht völlig, um am Tisch zu entscheiden. Bei sehr hohen Out-Zahlen (mehr als 12) entfernt sich die Näherung etwas stärker: Deshalb gibt es eine verfeinerte Version.
Verfeinerung für hohe Out-Zahlen
Wenn du mehr als 10 Outs hast und auf dem Flop stehst, schießt die ×4-Regel etwas über das Ziel hinaus. Zum Feinjustieren ziehst du nach der Multiplikation mit 4 alles ab, was über 10 hinausgeht. Beispiel mit einem Combo Draw von 15 Outs: 15 × 4 = 60 %; davon ziehst du (15 − 10) = 5 ab. Deine echte Equity liegt bei ungefähr 55 %. Der exakte Wert beträgt 54,1 %. Wieder sehr nah dran.
Bei niedrigen Out-Zahlen (1-9) ist die ×4-Regel praktisch exakt. Bei 10-15 Outs verhindert die Verfeinerung, dass du dich überschätzt.
Vollständige Tabelle: Outs in Prozent
Diese Tabelle ist das praktische Herzstück des gesamten Artikels. Mit ihr hast du die drei Dinge vor Augen, die du jedes Mal brauchst, wenn du ein Projekt bewertest: die Outs, die du hältst, die echte Wahrscheinlichkeit vom Flop bis zum River und die vom Turn bis zum River.
| Outs | Flop → River (%) | Turn → River (%) | 4-2-Regel |
|---|---|---|---|
| 1 | 4,3 | 2,2 | 4 und 2 |
| 2 | 8,4 | 4,3 | 8 und 4 |
| 3 | 12,5 | 6,5 | 12 und 6 |
| 4 | 16,5 | 8,7 | 16 und 8 |
| 5 | 20,3 | 10,9 | 20 und 10 |
| 6 | 24,1 | 13,0 | 24 und 12 |
| 7 | 27,8 | 15,2 | 28 und 14 |
| 8 | 31,5 | 17,4 | 32 und 16 |
| 9 | 35,0 | 19,6 | 36 und 18 |
| 10 | 38,4 | 21,7 | 40 und 20 |
| 11 | 41,7 | 23,9 | 44 und 22 |
| 12 | 45,0 | 26,1 | 48 und 24 |
| 13 | 48,1 | 28,3 | 52 und 26 |
| 14 | 51,2 | 30,4 | 56 und 28 |
| 15 | 54,1 | 32,6 | 60 und 30 |
| 20 | 67,5 | 43,5 | 80 und 40 |
Wenn du dir die letzte Spalte genau ansiehst, funktioniert die Näherung bei niedrigen Out-Zahlen völlig ohne Korrektur. Ab 10 überschätzt die ×4-Regel um zwei bis sechs Punkte; dort lohnt es sich, die Verfeinerung anzuwenden.
Was Pot Odds sind
Die Pot Odds sind das Verhältnis zwischen dem, was du zahlen musst, um in der Hand zu bleiben, und der Größe des Pots. Sie sagen dir in mathematischen Begriffen, wie viel du für jeden eingesetzten Chip bekommst, falls du die Hand am Ende gewinnst.
Ein einfaches Beispiel. Im Pot liegen 80 Chips. Der Gegner setzt 20. Damit wächst der Pot auf 100 (80 plus die 20, die er gerade gesetzt hat). Um weiterzuspielen, musst du 20 zahlen. Die Pot Odds betragen 100:20, was sich zu 5:1 vereinfachen lässt. In Prozent: 20 / (100 + 20) = 16,7 %. Man verlangt von dir also 16,7 % des Endpots, um eine Chance auf 100 % davon zu haben.
Verhältnis gegenüber Prozentsatz
Es gibt zwei Arten, Pot Odds auszudrücken, und beide sagen genau dasselbe aus:
- Verhältnis. Die traditionelle Form („du bekommst 4 zu 1, zahl den Draw“). Üblich am Tisch, wenn die Leute aus dem Gedächtnis sprechen.
- Prozentsatz. Deutlich praktischer, um direkt mit der Equity des Projekts zu vergleichen. Wenn du weißt, dass du 20 % Chance auf das Vervollständigen hast und die Pot Odds bei 18 % liegen, ist es ein profitabler Call.
Die Umrechnung ist direkt. Ein Verhältnis von X:1 entspricht einem Prozentsatz von 1 / (X + 1). Das heißt: 4:1 = 20 %, 3:1 = 25 %, 5:1 = 16,7 %, 2:1 = 33,3 %. Die folgende Tabelle fasst die häufigsten Umrechnungen zusammen.
Tabelle typischer Pot Odds
| Situation (Pot:Call) | Vereinfachtes Verhältnis | Benötigter Prozentsatz |
|---|---|---|
| Pot 200, du zahlst 50 | 4:1 | 20,0 % |
| Pot 100, du zahlst 20 | 5:1 | 16,7 % |
| Pot 150, du zahlst 50 | 3:1 | 25,0 % |
| Pot 100, du zahlst 50 | 2:1 | 33,3 % |
| Pot 100, du zahlst 100 (Einsatz = Pot) | 1:1 | 50,0 % |
| Pot 100, du zahlst 33 (halber Pot) | 3:1 | 25,0 % |
| Pot 100, du zahlst 66 (2/3 des Pots) | ~1,5:1 | 40,0 % |
| Pot 100, du zahlst 200 (Overbet 2x) | 0,75:1 | 57,1 % |
| Pot 100, du zahlst 10 | 11:1 | 8,3 % |
Hier ein praktischer Kniff: Wenn der Gegner den halben Pot setzt, brauchst du 25 % Equity zum Callen; setzt er 2/3, brauchst du 40 %; setzt er die volle Potgröße, brauchst du 33,3 %; macht er eine Overbet von 2x, brauchst du 57 %. Präge dir diese vier Werte ein, und schon hast du fast alle gängigen Einsatzgrößen abgedeckt.
Die Entscheidung: wann man ein Projekt bezahlt
Jetzt kommt das Entscheidende. Die Grundfrage des mathematischen Pokers ist einfach: Ist die prozentuale Wahrscheinlichkeit, mein Projekt zu vervollständigen, größer als der Prozentsatz, den die Pot Odds von mir verlangen?
Wenn deine Verbesserungswahrscheinlichkeit größer ist als die Pot Odds, ist der Spielzug langfristig profitabel und du solltest callen. Ist sie kleiner, dann nicht. Der Grund ist rein statistisch: Auf Dauer triffst du dein Projekt genau so oft, wie es deine Wahrscheinlichkeit sagt, und du kassierst den Pot nur dann, wenn du gewinnst. Wenn du einen Draw mit 18 % bezahlst, während die Pot Odds 25 % verlangen, verlierst du in jeder Hand dieser Art 7 Prozentpunkte Marge. Tausend solcher Hände, und du hast deinen Stack in den Müll geworfen.
Beispiel 1: die Entscheidung auf Messers Schneide
Du hast den Flush Draw vom Anfang (neun Outs in Herz). Du bist auf dem Turn, es kommt noch eine Karte. Im Pot liegen 100 Chips. Der Gegner setzt 30. Um weiterzuspielen, zahlst du 30.
- Wahrscheinlichkeit, den Flush zu treffen: 9 × 2 = 18 % (nach der Regel). Real: 19,6 %.
- Pot Odds: Endpot = 100 + 30 + 30 = 160. Du zahlst 30. Prozentsatz: 30/160 = 18,75 %.
Du hast ungefähr 19 % Gewinnwahrscheinlichkeit und man verlangt 18,75 % des Pots von dir. Das ist eine break-even-Situation: Der Spielzug steht praktisch bei null. In solchen Momenten entscheiden die implied odds (das, was du später noch herauszuholen glaubst) und die Position. Streng mathematisch betrachtet ist es ein marginaler Call.
Beispiel 2: der klare Call
Derselbe Flush Draw auf dem Turn. Pot 100, der Gegner setzt aber nur 10.
- Verbesserungswahrscheinlichkeit: 19 %.
- Pot Odds: Endpot = 100 + 10 + 10 = 120. Du zahlst 10. Prozentsatz: 10/120 = 8,3 %.
Hier ist der Call kinderleicht: Du hast 19 % Wahrscheinlichkeit und zahlst nur 8,3 % des Pots. Du bekommst mehr als das Doppelte dessen, was du „mathematisch wert“ bist. Auf lange Sicht bringt dir diese Entscheidung Chips ein.
Beispiel 3: der klare Fold
Derselbe Flush Draw auf dem Turn. Pot 100, der Gegner setzt 100 (ein Einsatz in Potgröße).
- Verbesserungswahrscheinlichkeit: 19 %.
- Pot Odds: Endpot = 100 + 100 + 100 = 300. Du zahlst 100. Prozentsatz: 100/300 = 33,3 %.
Du hast 19 % und man verlangt 33,3 %. Zu callen bedeutet langfristig Geld zu verlieren. Fold, auch wenn es ein hübscher Flush Draw ist.
Beispiel 4: Gutshot gegen einen kleinen Einsatz
Du hältst 8♠ 7♣ und das Board ist 5♥ 6♦ K♣ 2♠. Nur die 4 oder die 9 vervollständigen deine Straße (4 Outs; streng genommen ein doppelter Gutshot, wenn man beide Lücken als verfügbar zählt, aber vereinfachen wir hier auf 4 saubere Outs an einem Ende). Pot 100, der Gegner setzt 20 auf dem Turn.
- Wahrscheinlichkeit: 4 × 2 = 8 % (real 8,7 %).
- Pot Odds: Endpot 140. Du zahlst 20. Prozentsatz: 20/140 = 14,3 %.
Du brauchst 14,3 % und hast 8,7 %. Ein mathematischer Fold. Einen Gutshot bezahlt man nur gegen sehr kleine Einsätze oder wenn die implied odds eindeutig hoch sind (großer Gegner, tiefe Stacks, die Chance, ihm einen dicken Einsatz abzunehmen, falls die 4 oder die 9 kommen und wie harmlose „Blanks“ aussehen).
Beispiel 5: Combo Draw gegen All-in
Du hältst 9♥ 8♥ auf einem Board D♥ B♠ 4♥. Du hast ein Farbprojekt (9 Outs) und eine beidseitige Straße mit der 10 (wobei sich ein Teil überschneidet: die 10♥ zählt nur einmal). Angepasst kommst du je nach Zählweise auf etwa 12-15 saubere Outs. Du bist auf dem Flop und der Gegner geht mit 100 Chips All-in in einen Pot von 60.
- Verbesserungswahrscheinlichkeit vom Flop bis zum River mit 12-15 Outs: 45-54 % (angepasste Regel).
- Pot Odds: Endpot 260. Du zahlst 100. Prozentsatz: 100/260 = 38,5 %.
Du hast 45-54 % Equity und man verlangt 38,5 %. Das ist ein Standard-Call. Bei Combo Draws auf dem Flop ist das All-in des Gegners für dich fast immer profitabel, sofern deine Equity über 40 % liegt.
Implied Odds: der Pot der Zukunft
Die strengen Pot Odds sind eine Momentaufnahme des Pots in genau diesem Augenblick. Im No-Limit kannst du aber, wenn du dein Projekt vervollständigst, auf späteren Straßen weitere Chips gewinnen: Der Gegner setzt am River, du erhöhst, er zahlt. Diese zusätzlichen Chips, die du zu gewinnen erwartest, sind die implied odds (impliziten Odds).
Um sie zu berechnen, addierst du zum aktuellen Pot das, was der Gegner dir deiner Schätzung nach später zahlen wird, falls du triffst. Wenn der Pot 100 beträgt, du 30 zahlen musst und glaubst, dass der Gegner dir beim Treffen des Flushes am River weitere 50 Chips zahlt, dann liegt dein „effektiver Pot“ bei 150 + 30 + 30 = 210. Deine implied pot odds betragen 30/210 = 14,3 %. Viel profitabler als die realen 18,75 %.
Implied Odds erfordern Urteilsvermögen. Ist der Gegner sehr konservativ und foldet, sobald am River die dritte Herzkarte fällt, sind deine Implied Odds gleich null (oder sogar negativ, wenn du die emotionalen Kosten des Check-Check hinzurechnest und merkst, dass du die Straße verschenkt hast). Ist er sehr loose und zahlt dir einen großen Einsatz, obwohl er die Farbe sieht, sind sie hoch. Deshalb ist es eine deutlich subjektivere Rechnung als die strengen Pot Odds.
Die Faktoren, die deine Implied Odds erhöhen, sind:
- Tiefe Stacks: Es bleibt Spielraum für große Einsätze danach.
- Ein Gegner vom Typ calling station: Er zahlt mit jedem Top Pair.
- Dein Projekt ist gut getarnt (der Gegner kann deine fertige Hand nicht vermuten).
- Du bist in Position: Du kontrollierst die Einsatzgrößen am River.
Und diejenigen, die sie verringern:
- Kurze Stacks: Es sind nicht genug Chips für einen dicken Einsatz danach übrig.
- Ein Gegner vom Typ nit: Er foldet, sobald sich etwas bewegt.
- Dein Projekt ist am Tisch offensichtlich (zum Beispiel drei sichtbare Herzkarten).
- Du bist außer Position: Der Gegner kann den River nach der Angstkarte einfach checken.
Reverse Implied Odds: der Pot der Zukunft gegen dich
Das Spiegelbild der Implied Odds. Es gibt Hände, die dich, selbst wenn sie treffen, mehr Chips kosten als sie einbringen, weil du beim „Gewinnen“ kleine Pots gewinnst und beim „Verlieren“ große Pots verlierst. Genau diese Asymmetrie beschreiben die reverse implied odds.
Das klassische Beispiel: preflop mit K-B zu callen, wenn ein starker Gegner erhöht hat. Bringt der Flop einen König, hast du Top Pair, aber mit zweifelhaftem Kicker. Setzt dein Gegner Flop, Turn und River, spielt er sehr wahrscheinlich A-K (das dich dominiert) oder einen Drilling. Du zahlst drei Straßen, um festzustellen, dass du verlierst. Gibt der Gegner dagegen am Flop auf, ist der Pot winzig. Du gewinnst wenig, wenn du gewinnst, und verlierst viel, wenn du verlierst.
Hände mit hohen Reverse Implied Odds sind fast immer die mittleren: dominiert von besseren Händen desselben Bereichs (K-B gegen A-K, A-9 gegen A-K, Top Pair ohne Kicker), die obendrein gern bezahlt werden, wenn sie hinten liegen, während die Hände, die sie schlagen, einfach weitersetzen. Für den Amateur sind sie ein Fass ohne Boden: Er denkt „ich hatte doch Top Pair“ und hat in Wirklichkeit hunderte Big Blinds pro Serie in genau derselben Art von Spot verloren.
Fold Equity: der nicht-mathematische Teil der Gleichung
Bisher stammte die gesamte Equity aus der Verbesserung der Hand. Es gibt aber eine weitere Wertquelle, wenn du selbst setzt oder erhöhst: die Möglichkeit, dass der Gegner seine Hand wegwirft. Das ist die fold equity.
Wenn du einen Semi-Bluff mit einem Flush Draw spielst, hat dein erwarteter Gewinn zwei Bestandteile:
- Den Prozentsatz der Fälle, in denen der Gegner foldet. Du gewinnst den Pot, ohne je zum Showdown zu kommen.
- Den Prozentsatz der Fälle, in denen der Gegner zahlt, multipliziert mit der Equity, die du mit deinem Projekt hast.
Ein Semi-Bluff mit 9 Flush-Outs gegen einen Gegner, der in 40 % der Fälle foldet, hat eine Fold Equity von 40 % plus eine Rest-Equity von 60 % × 35 % = 21 %. Insgesamt: 61 % Wahrscheinlichkeit, den Pot zu gewinnen. Verglichen mit den 35 % reiner Equity, wenn du dich aufs Callen beschränkst, ist es meist besser, selbst den Einsatz zu eröffnen.
Deshalb ziehen gute Spieler es oft vor, ihre Draws zu erhöhen statt sie zu bezahlen: Du addierst zwei Gewinnwege in einem einzigen Spielzug. Die Fold Equity hängt ab von:
- Der Größe deines Einsatzes (je größer, desto mehr Fold Equity).
- Der Range des Gegners (je breiter, desto mehr wahrscheinliche Folds).
- Der Textur des Boards (gefährliche Boards schrecken stärker ab).
- Deinem bisherigen Image (wenn du tight spielst, wiegen deine Einsätze schwerer).
Equity: der reale Prozentsatz gegen den Gegner
Outs und Pot Odds gehen von einem vereinfachten Szenario aus: „Ich habe einen Draw, der Gegner hat eine fertige Hand, wer gewinnt?“. In Wirklichkeit weißt du nicht genau, was der Gegner hält, und manchmal schlägt deine fertige Hand gerade jetzt seinen Draw (du hast Top Pair ohne Projekt und der Gegner hat das Farbprojekt).
Der Begriff, der all das umfasst, ist die equity: deine statistische Wahrscheinlichkeit, den Pot zu gewinnen, gemessen an allem, was du weißt. Genau das berechnen die Handsimulatoren (PokerStove, Equilab, Flopzilla). Zum Beispiel hat A-K offsuit gegen B-10 derselben Farbe preflop eine Equity von ungefähr 60 % gegen 40 %. Live wirst du keine exakte Equity berechnen, aber es lohnt sich, eine Vorstellung von den häufigsten Duellen zu haben.
Equity-Tabelle für häufige Matchups
| Duell (preflop) | Ungefähre Equity | Übliche Bezeichnung |
|---|---|---|
| Hohes Paar gegen niedriges Paar (AA gegen KK) | 82 % - 18 % | Totaler Cooler. |
| Mittleres Paar gegen zwei Overcards (99 gegen A-K) | 54 % - 46 % | Der klassische Coinflip. |
| Niedriges Paar gegen hohes Paar (55 gegen DD) | 20 % - 80 % | Vier zu eins. |
| A-K gegen mittleres Paar (A-K gegen 88) | 46 % - 54 % | Der Coinflip, der in jedem Turnier auftaucht. |
| A-K gegen A-D | 73 % - 27 % | Dominanz durch den Kicker. |
| A-K gegen ein Königspaar (KK) | 34 % - 66 % | Zwei Overcards gegen ein hohes Paar. |
| Suited Connectors gegen hohes Paar (78s gegen DD) | 22 % - 78 % | Fast vier zu eins. |
| Top Pair Top Kicker gegen Flush Draw am Flop | 65 % - 35 % | Favorit, aber unbequem. |
| Drilling gegen Flush Draw am Flop | 75 % - 25 % | Klarer Favorit. |
| Drilling gegen Combo Draw (15 Outs) am Flop | 55 % - 45 % | Verkappter Coinflip. |
| Overpair gegen beidseitige Straße am Flop | 59 % - 41 % | Leichter Vorteil für das Paar. |
| Zwei Paare gegen Flush Draw am Flop | 65 % - 35 % | Ähnlich wie Top Pair. |
Aus dieser Tabelle ergeben sich drei Lehren, die man verinnerlichen sollte:
- Ein hohes Paar gegen zwei Overcards ist nur leicht favorisiert. Das ist der klassische coinflip und er taucht in jedem wichtigen Turnier auf.
- Ein hohes Paar gegen ein niedrigeres steht ungefähr 80/20. Vier zu eins. Wenn dir jemand erzählt, er sei mit einem mittleren Paar gegen AA „ausgeknockt“ worden, sagt die Mathematik, dass genau das zu erwarten war.
- Ein Combo Draw ist gegen die meisten fertigen Hände praktisch ein Coinflip. Deshalb erhöhen aggressive Spieler damit, statt zu callen: geschenkte Fold Equity in einem Duell, das ohnehin schon neutral ist.
Fünf Situationen, in denen die Pot Odds entscheiden
1. Ein Farbprojekt am Turn bezahlen
Der häufigste Spot überhaupt. Neun Outs, 18-20 % vom Turn bis zum River. Verlangt man weniger als 20 % des Pots von dir, dann call. Verlangt man mehr, dann fold. Und Achtung: Wenn das Board zweifarbig ist und nicht einfarbig, muss man etwas abziehen, falls Gegner höhere Farbprojekte halten.
2. Mit einem Gutshot weiterspielen
Vier Outs, 8-9 % vom Turn bis zum River. Du brauchst extrem großzügige Pot Odds oder hervorragende implied odds, um zu callen. Grundsätzlich bezahlt man Gutshots nicht gegen große Einsätze; nur gegen einen Check oder kleine Einsätze, und am besten dann, wenn danach noch Spielraum bleibt, Chips herauszuholen, falls du triffst.
3. Mit mittlerem Paar und Drillingsprojekt bezahlen
Zwei Outs für den Drilling. Nur 4-5 % vom Turn bis zum River. Dafür allein zahlst du fast nie. Wenn du aber ein mittleres Paar hältst, das viele Hände des Gegners schlägt, und zusätzlich ein Drillingsprojekt hast, addierst du die gesamte Equity: Manchmal sind es genau diese zusätzlichen 4 %, die eine Entscheidung rechtfertigen, die ohne den Drilling knapp wäre.
4. Entscheiden, ob du das All-in des Gegners mit einem Combo Draw bezahlst
Hier sind die Equities der Schlüssel. Ein Combo Draw (Farbe plus beidseitige Straße) mit 15 Outs liegt bei 55-60 % vom Flop bis zum River: Gegen eine fertige Hand ist er leicht favorisiert. Sind die Pot Odds vernünftig, ist der Call Standard. Mit 12 Outs (Farbe + Gutshot) ist er in den meisten Fällen immer noch profitabel.
5. Die Blinds vom Button aus stehlen
Pot Odds funktionieren auch andersherum. Wenn du vom Button auf 3 BB erhöhst und die beiden Blinds in 60 % der Fälle folden, „bekommst du“ 60 % des aktuellen Pots, ohne auch nur eine Gemeinschaftskarte gesehen zu haben. Das allein rechtfertigt es, mit marginalen Händen zu eröffnen, die du sonst nie spielen würdest.
Preflop-Wahrscheinlichkeiten, die man im Kopf haben sollte
Für Texas Hold’em ohne Taschenrechner sind dies die Preflop-Wahrscheinlichkeiten, die dir live am meisten nützen. Es lohnt sich, sie auswendig zu lernen: Sie tauchen mühelos in deinem Kopf auf und helfen dir, Einsätze und Calls vor dem Flop zu kalibrieren.
| Preflop-Situation | Wahrscheinlichkeit | Häufigkeit |
|---|---|---|
| Irgendein Paar bekommen | 5,9 % | 1 von 17 Händen |
| AA bekommen | 0,45 % | 1 von 221 |
| KK, DD, BB oder 10-10 bekommen | 1,8 % | 1 von 55 |
| Ein Premium-Paar bekommen (10-10 oder besser) | 2,3 % | 1 von 44 |
| A-K bekommen (suited oder offsuit) | 1,2 % | 1 von 82 |
| A-K derselben Farbe bekommen | 0,30 % | 1 von 330 |
| Zwei Karten derselben Farbe bekommen | 23,5 % | ~1 von 4 |
| Zwei aufeinanderfolgende Karten bekommen (suited oder offsuit) | 15,7 % | ~1 von 6 |
| Suited Connectors bekommen (10-9s bis 5-4s) | 1,8 % | 1 von 55 |
| Mit einem Pocket-Paar am Flop einen Drilling treffen | 11,8 % | ~1 von 8,5 |
| Mit zwei verschiedenen, ungepaarten Karten am Flop ein Paar treffen | 32,4 % | ~1 von 3 |
| Dass der Flop drei Karten derselben Farbe bringt | 5,2 % | 1 von 19 |
| Dass der Flop rainbow ist (drei verschiedene Farben) | 39,8 % | ~1 von 2,5 |
| Dass der Flop ein Paar bringt | 17,0 % | 1 von 6 |
| Dass der Flop drei Karten deiner Suited-Hand-Farbe bringt | 11,8 % | 1 von 8,5 |
| Mit einer Suited-Hand am Flop einen Flush Draw treffen | 10,9 % | 1 von 9 |
| Dass der Flop drei verbundene Karten bringt | 3,4 % | 1 von 30 |
Eine für viele überraschende Zahl: Ein Paar zu bekommen ist bei Hold’em dreimal seltener, als die Leute glauben. Konkret AA zu bekommen passiert einmal alle 221 Hände, wenn du dich also für zwei Stunden an einen Cash-Tisch setzt, ist es völlig normal, es kein einziges Mal zu sehen. Mit einem Pocket-Paar dagegen einen Drilling zu treffen passiert in knapp 12 % der Fälle, in denen du es spielst, und das reicht aus, um das Setmining mit mittleren Paaren gegen Gegner, die am Flop groß bezahlen, zur Standardstrategie zu machen.
Häufige Fehler bei der Anwendung all dessen
Es in der Theorie zu wissen genügt nicht. Live entstehen die meisten Fehler nicht dadurch, dass man die Mathematik nicht kennt, sondern dadurch, dass man sie falsch anwendet. Die vier typischsten:
- Die Outs überschätzen. Karten als Outs zu zählen, die auch den Gegner verbessern (schmutzige Outs). Wenn das Board zweifarbig ist und du eine beidseitige Straße hältst, ist jede Karte der dritten Farbe ein Out, das dem Gegner auch den Flush geben könnte. Zähle konservativ.
- Die Position bei der Berechnung der Implied Odds ignorieren. Außer Position kontrollierst du die Größen am River nicht. Der Gegner checkt, wenn seine Hand deinen Einsatz nicht wert ist, und setzt, wenn sie es ist. Deine echten Implied Odds sind niedriger, als du denkst.
- Die ×4 auf dem Turn anwenden. Ein sehr verbreiteter Fehler: Die Regel der 4 funktioniert nur am Flop (zwei Karten stehen noch aus). Am Turn sind es nur das Doppelte der Outs, nicht das Vierfache. Wer hier durcheinanderkommt, überschätzt seine Equity um das Doppelte und callt, wo er folden müsste.
- Equity mit der Wahrscheinlichkeit verwechseln, „jetzt gerade“ zu gewinnen. Deine Equity ist die Wahrscheinlichkeit, am Ende der Hand zu gewinnen, unter Berücksichtigung aller fehlenden Karten. Wenn der Gegner am River setzt und du deine Equity am Flop richtig berechnet hast, gilt diese Equity nicht mehr: Am River gewinnt deine Hand oder sie verliert. Equity ist ein Entscheidungswerkzeug für Flop und Turn, nicht für den River.
Häufige Fragen
Was sind Pot Odds beim Poker?
Das Verhältnis zwischen den Kosten deiner nächsten Entscheidung (normalerweise ein Call) und der Gesamtgröße des Pots, nachdem du sie bezahlt hast. Es sagt dir, welchen Prozentsatz des Pots du investierst, um die Chance zu haben, ihn ganz einzustreichen. Ist deine Gewinnwahrscheinlichkeit größer als dieser Prozentsatz, ist der Spielzug langfristig profitabel.
Was sind Outs?
Die im Deck verbliebenen Karten, die deine Hand zu einer Hand verbessern können, die gewinnen würde. Wenn du zum Beispiel am Flop vier Karten derselben Farbe hast, bleiben neun Karten dieser Farbe im Deck: neun Outs, um den Flush zu treffen.
Wie funktioniert die 4-2-Regel?
Sie ist ein Trick, um deine Wahrscheinlichkeit, ein Projekt zu vervollständigen, ohne Taschenrechner zu schätzen. Multipliziere die Outs mit 4, wenn noch zwei Karten kommen (Flop bis River), oder mit 2, wenn nur noch eine kommt (Turn bis River). Beispiel: Mit einem Farbprojekt von 9 Outs am Flop ergibt 9 × 4 = 36 %. Der reale Wert liegt bei 35 %. Die Fehlerspanne beträgt höchstens ein oder zwei Punkte.
Was ist der Unterschied zwischen Pot Odds und Implied Odds?
Die Pot Odds berücksichtigen nur den aktuellen Pot. Die Implied Odds addieren die zusätzlichen Chips hinzu, die du bei späteren Einsätzen herauszuholen glaubst, falls du dein Projekt vervollständigst. Sie sind subjektiver, weil sie davon abhängen, wie der Gegner deiner Einschätzung nach anschließend spielt.
Muss ich Wahrscheinlichkeiten kennen, um Poker zu spielen?
Um gut zu spielen, ja. Die Regeln lernt man an einem Nachmittag, ohne etwas von Wahrscheinlichkeit zu verstehen, aber auf Dauer gute Entscheidungen zu treffen erfordert, Outs zählen und sie mit den Pot Odds vergleichen zu können. Was man wissen muss, passt auf eine Karteikarte und beherrscht man nach ein paar Wochen überlegten Spielens.
Funktionieren Pot Odds bei Heimrunden genauso wie bei Profiturnieren?
Ja, die Mathematik ist dieselbe. Der Unterschied besteht darin, dass es bei Turnieren, vor allem nahe der Bubble, einen zusätzlichen Faktor gibt (ICM), der den realen Wert der Chips verändert und dazu führen kann, dass im Cash Game mathematisch korrekte Entscheidungen im Turnier Fehler sind. Die reine Pot-Odds-Berechnung ändert sich dadurch aber nicht.
Was ist ein coinflip?
Eine Situation, in der die Equities ungefähr 50/50 stehen. Die typischste ist ein mittleres Paar gegen zwei Overcards: zum Beispiel 8-8 gegen A-K. Profis vermeiden Coinflips, wo sie können, denn kurzfristig ist es reiner Zufall und langfristig kommt der technische Vorteil dabei kaum zum Tragen.
Was ist die fold equity?
Der erwartete Gewinn, den du beim Setzen oder Erhöhen dadurch hast, dass der Gegner seine Hand wegwerfen könnte. Du verbesserst deine Hand nicht: Du gewinnst den Pot direkt, ohne zum Showdown zu gehen. Zusammen mit der Equity des Projekts ergibt sie die vollständige Gleichung des Semi-Bluffs.
Und die reverse implied odds?
Das Gegenteil der Implied Odds. Es sind die zusätzlichen Chips, die du auf späteren Straßen zu verlieren glaubst, wenn du dein Projekt zwar triffst, aber trotzdem hinter einer noch besseren Hand des Gegners zurückbleibst. Hände mit hohen Reverse Implied Odds (Top Pair ohne Kicker, K-B gegen eine frühe Erhöhung) schaden Amateuren, ohne dass sie es überhaupt merken.
Warum erhöhen gute Spieler manchmal mit Projekten, statt sie zu bezahlen?
Weil eine Erhöhung Fold Equity (den Pot direkt zu gewinnen) zur Equity des Projekts hinzuaddiert. Ein Semi-Bluff mit neun Outs gegen eine Gegner-Range, die in 40 % der Fälle foldet, kann 55-60 % EV haben, weit über den 35 % eines passiven Calls. Außerdem erlaubt dir die Initiative, auf späteren Straßen mehr Hände zu repräsentieren und die Einsatzgrößen besser zu kontrollieren.
Zum Mitnehmen an den Tisch
Die Mathematik des Grundpokers passt in das, was du gerade gelesen hast: Outs zählen, Pot Odds berechnen, die 4-2-Regel anwenden und anschließend Implied Odds und Fold Equity ergänzen. Damit stehst du bereits deutlich über dem durchschnittlichen Gelegenheitsspieler. Der schwierige Teil ist nicht, die Rechnungen zu lernen, sondern sie am Tisch zu machen, mitten im Druck, ohne eine ganze Minute nachzudenken. Und das gelingt nur mit Übung.
Zu Beginn ist es am nützlichsten, dich zu zwingen, in jeder Hand der ersten Sitzungen Outs und Pot Odds auszurechnen, selbst wenn die Entscheidung offensichtlich ist. Nach zehn Sitzungen laufen diese Rechnungen automatisch ab. Von da an sind die Entscheidungen, die nach „Intuition“ aussehen, zu einem großen Teil genau diese bereits verinnerlichte Mathematik. Ein Trick, der enorm hilft: Notiere nach jeder Sitzung drei Hände, bei denen du gezweifelt hast, berechne zu Hause in Ruhe Pot Odds und Equity und prüfe, ob deine Entscheidung richtig war oder nicht. In einem Monat dieser Übung lernt man mehr als in einem Jahr Theorielektüre.
Wenn du noch nicht regelmäßig spielst und einen Abend zu Hause organisieren möchtest, um es auszuprobieren, steht alles (Kit, Chips, Blinds, Regeln) in wie man einen Pokerabend zu Hause organisiert. Für eine ordentliche Runde fühlt sich beim Geben nichts besser an als ein hochwertiges Kartendeck. Die klassischen Modelle findest du bei den Pokerkarten in unserem Katalog.
Wenn du weiter in die Tiefe gehen willst, sind die natürlichen Schritte: die Positionen am Tisch beherrschen, die Pokervarianten jenseits von Hold’em kennenlernen und das Glossar der Begriffe durchgehen, wenn jemand einen Fachausdruck fallen lässt, den du nicht erkennst. Mit diesen vier Bausteinen (Mathematik, Position, Varianten, Vokabular) hast du die komplette Grundlage eines kompetenten Amateurspielers.
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